Prozess wegen des SS-Massakers von Marzabotto:
Zehn ehemalige SS-Soldaten zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt

Der Prozess wegen des Massakers von Marzabotto wurde seit einem Jahr in Abwesenheit gegen 17 ehemalige SS-Angehörigen vor dem Militärgericht in La Spezia geführt. Der Militärstaatsanwalt Marco di Paolis forderte für 15 Angeklagte eine lebenslängliche Haftstrafe, in zwei Fällen hat er für Freispruch plädiert. Das Urteil wurde am 13. Januar 2007 verkündet: Zehn Angeklagte wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Das Gericht hat sie für schuldig befunden, im Herbst 1944 in Marzabotto und den umliegenden Ortschaften mehr als 800 Menschen getötet zu haben.

In Italien wurden 1944/45 über 10.000 Zivilisten durch NS-Truppen getötet, wobei die 16. Panzergrenadierdivision alleine für über 2000 Morde verantwortlich ist. Marzabotto steht in Italien als Synonym für diese NS- Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Das Marzabotto-Verfahren ist das größte, aber nicht einzige Verfahren wegen NS-Verbrechen in Italien in den letzten Jahren. Zu zwei dieser Verfahren: Im Juni 2005 wurden zehn ehemalige SS-Soldaten der gleichen SS-Division wegen des Massakers von Sant’Anna di Stazzema zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Falle des Massakers von Civitella wurde zudem die Bundesrepublik Deutschland als Gesamtschuldner zu einer Entschädigung von etwa einer Mio. Euro verurteilt. Trotz der verschiedenen Prozesse in Italien mit Verurteilungen wurde in Deutschland bisher nicht in einem dieser Fälle Anklage wegen Massakern an der Zivilbevölkerung erhoben.

Nachdem der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau im Jahr 2002 in Marzabotto "Trauer und Scham" bekundete und der ehemalige Innenminister Otto Schily 2004 in Sant’Anna von einem unverzeihlichen Verbrechen sprach, hat sich der Umgang mit NS-Verbrechen in Deutschland nicht geändert. Gegenüber den Opfern von NS-Massakern verweigert die Bundesregierung die zugesprochene Entschädigung, wie im Fall des Massakers in griechischen Distomo. Gegenüber den verurteilten Kriegsverbrechern betreiben die deutschen Staatsanwälte Ermittlungen ohne anzuklagen. Die Initiative zur Anklageerhebung im Fall von Sant’Anna spricht von "ermittelnden Täterschutz".

Zivile Opfer waren grausames Kalkül

Das Massaker von Marzabotto

Heute leben kaum mehr Menschen auf dem Monte Sole südöstlich von Marzabotto. Nur wenige überlebten das Nazi-Massaker zwischen 29. September und 1. Oktober 1944. Diejenigen, die in die zerstörten Ortschaften zurück kehrten, fanden noch Monate nach Kriegsende den Tod durch von deutschen Soldaten gelegte Minen. Das Massaker war von einem gemischten Verband aus SS und Einheiten des Heeres verübt worden. Was als militärische Aktion geplant war - endete in einer Reihe grausamer Massaker an der Zivilbevölkerung.


Im Winter 43/44 scharte Mario Musolesi aus Marzabotto, Kampfname "Lupo", eine Partisanengruppe um sich. Nach dem Vorbild der jugoslawischen PartisanInnen unter Tito, die unter dem roten Stern kämpften, nannte er die Einheit "Stella Rossa". Zur Zeit des Massakers bestand sie aus ca. 800 Leuten, darunter 90 Frauen und eine größere Gruppe geflohener Kriegsgefangener.
Das Gebiet zwischen den Flüssen Reno und Setta, das zu den Gemeinden Monzuno, Grizzana und Marzabotto gehört, lag zwischen den Fronten: Die Alliierten waren von Süditalien bereits bis zum benachbarten Gebirgszug vorgedrungen, die Deutschen belagerten die gegenüberliegende Bergkette. Auf zwei wichtigen Verkehrsstraßen und zwei Eisenbahnlinien, darunter die direkte Zugverbindung zwischen Bologna und Mittelitalien, transportierten die Nazifaschisten Truppen, Waffen und Waren. Dies machte die Gegend zu einem wichtigen Aktionsgebiet der "Stella Rossa", die Sabotageaktionen und Überraschungsangriffe deutsche und faschistische Einrichtungen und Einheiten durchführte.
Seit dem Angriff der Alliierten im Sommer 1944 auf die "Gotenlinie", die deutsche Verteidigungslinie in Norditalien, waren die beiden Berge Monte Caprara und Monte Sole für die Deutschen die letzten natürlichen Bollwerke vor Bologna. Deshalb standen die PartisanInnen unter ihrer starken Beobachtung. Im September 1944 wurde die 16. Panzergrenadierdivision "Reichsführer SS" an diesen Frontabschnitt verlegt. Diese Division zog eine regelrechte Blutspur quer durch die Toskana und tötete nach Erkenntnissen des Historikers Carlo Gentile etwa 2500 ZivilistInnen und schickte mindestens 10.000 Italiener zwangsweise zum Arbeitseinsatz nach Deutschland. Am 28. September wurde der Befehl erteilt, das ganze Gebiet "von Partisanen zu säubern", um die Verteidigung und den Rückzug der Deutschen zu sichern.

Die Ereignisse

Am frühen Morgen des 29. September wurde das Gebiet von Einheiten der SS und der Wehrmacht umstellt. Sie erhielten Unterstützung von einzelnen ortsansässigen Faschisten, die, getarnt durch SS-Uniformen, den Deutschen Wege, Häuser und mögliche Verstecke zeigen sollten. Die Einheiten ermordeten in den folgenden Tagen 770 Zivilpersonen auf brutale und sadistische Weise. Kampfhandlungen gegen Partisanen fanden nur wenige statt.
Bei Scope kam es zu einem ersten kurzen Gefecht. Doch den PartisanInnen gelang es, sich auf den Monte Sole zurückzuziehen. In Ca di Derino waren ca. 30 PartisanInnen und im benachbarten Cadotto, wo sich der Kommandostand befand, ca. 20 von ihnen. Hier wurden in den folgenden Gefechten die meisten PartisanInnen getötet, darunter auch ihr Kommmandant "Lupo". Den Überlebenden gelang es, sich im Wald zu verstecken und - vermutlich in einer Kampfpause - der Einkreisung durch die Deutschen zu entkommen.

Überlebende berichten

Zum Zeitpunkt des Massakers lebten nicht nur Einheimische auf dem Berg, sondern auch Flüchtlinge aus Bologna, die in den Bergen Schutz vor Bombardements gesucht hatten. Andere waren von den Deutschen aus der Toscana hierher verschleppt worden.
Nur durch glückliche Zufälle gelang es einigen wenigen, dem Massaker zu entkommen, so Lidia Pirini aus Cerpiano: "Es war der 29. September um neun Uhr morgens. Als ich vom Herannahen der Deutschen erfuhr, flüchtete ich nach Casaglia. Ich habe meine Familie verlassen und war nicht bei ihnen, als sie ermordet wurde. Es waren meine Mutter und meine 12-jährige Schwester, acht Cousins und vier Tanten, die alle am 29. und 30. September in Cerpiano ermordet wurden. Am 29. haben sie sie verletzt. Am 30. kamen die Nazis zurück, um sie umzubringen.
In Casaglia hörten wir die Schüsse der Deutschen immer näher kommen. Wir konnten den Rauch der in Brand gesetzten Häuser sehen. Niemand wusste wohin und was machen. Letztendlich haben wir uns in die Kirche geflüchtet. Als die Nazis dorthin kamen, hatte ich Angst, ihnen ins Gesicht zu sehen. Sie schlossen das Kirchentor und alle im Inneren schrieen vor Entsetzen. Wenig später kamen sie zurück und führten uns zum Friedhof. Wir mussten uns vor der Kapelle aufstellen; sie platzierten sich in der Hocke, um gut zielen zu können. Sie schossen mit Maschinenpistolen und Gewehren. Ich wurde von einem Maschinengewehr am rechten Oberschenkel getroffen und fiel ohnmächtig zu Boden.1"
Elena Ruggier gelang es, sich zusammen mit ihrer Tante, einem Cousin und einem Bekannten in der Sakristei zu verstecken, von wo aus sie das weitere Geschehen beobachten konnten: "Der Priester konnte deutsch und redete mit zweien von ihnen. Sie lachten ständig und zeigten auf ihre Gewehre und weil der Priester beharrlich blieb, erschossen sie ihn vor dem Altar. Ich hatte eine Hand auf den Mund meines Cousins Giorgio gepresst, aus Angst, er würde schreien. Sie ermordeten auch eine Frau, die gelähmt war und sich nicht rühren konnte."
Der Partisan Adelmo Benini von der "Stella Rossa" verlor bei dem Massaker seine Frau und beide Kinder. Er erfuhr in der Nacht vom 28. auf den 29. September vom Anrücken der Deutschen und warnte seine Frau, die mit den beiden Mädchen fluchtartig das Haus verließ und nach Casaglia flüchtete. Nach den bisher gemachten Erfahrungen ging man davon aus, dass die "männliche Matrix des Krieges" respektiert werde: Bei vorangegangenen Razzien, waren die Männer zu Zwangsarbeit verschleppt worden, den Frauen, Kindern und Alten war jedoch nichts geschehen. So glaubte sich die Zivilbevölkerung in der Kirche von Casaglia sicher. Die Kämpfenden zogen sich in die angrenzenden Wälder zurück, um keine ZivilistInnen zu gefährden.
Doch Adelmo Benini musste vom Berg aus zusehen, was unten in Casaglia geschah:
"Voller Panik stellten wir fest, dass die Nazis keineswegs Frauen und Kinder verschonten. Das sah man, als sie sie mit Stößen und Fußtritten zum Friedhof jagten. Wir sahen, wie sie das Tor zum Friedhof aufschossen und sie alle auf den Stufen zur Kapelle zusammenpferchten, die Großen hinten, die Kleinen vorne; als ich merkte, wie sie mit den Maschinengewehren zielten, warf ich mich den Bergrücken hinunter und schrie die Namen der meinigen, (...). Ich konnte sehen, wie sie mit Maschinenpistolen und Gewehren mitten in die Unschuldigen schossen. Sie warfen Handgranaten und die Soldaten töteten Einzelne, die noch am Leben waren und klagten."
Nicht weit von der Kirche von Casaglia entfernt befand sich der Andachtsraum von Cerpiano. Hier hatte die SS 49 Personen eingesperrt, darunter 19 Kinder. Kurz nach ihrer Ankunft warf die SS Handgranaten in den Andachtsraum. 30 Menschen waren sofort tot. Der achtjährige Fernando Piretti war am Leben geblieben. Weil er glaubte, die Nazis seien abgezogen, zog er die sechsjährige Paola Rossi unter dem toten Körper ihrer Mutter hervor, der sie vor dem Tod bewahrt hatte. Doch die Nazis kamen am nächsten Morgen zurück, um die Überlebenden durch gezielte Schüsse zu töten. Die dritte Überlebende, die Lehrerin Antonietta Benni, schaffte es gerade noch rechtzeitig, die beiden Kinder unter einer Decke zu verstecken. Sie berichtet: "Wir hatten gehofft, dass sie uns nichts antun würden. Stattdessen öffnete sich nach kurzem die Tür und einige Nazis tauchten mit furchteinflößenden Gesichtern auf. In ihren Händen trugen sie Handgranaten und sie sahen uns an, als würden sie ihre Beute aussuchen (...). Dann flogen Handgranaten durch die Tür und die Fenster: Wir schrieen, weinten, flehten, die Mütter hielten ihre Kinder fest, schützten die Gesichter und suchten verzweifelt Schutz. Ich fiel ohnmächtig zu Boden."

Anerkennung von Kesselring

"Bandenaktion beendet, mit Vernichtung der Bande Roter Stern." Dafür gab es eine Anerkennung von Kesselring. Doch nur zwei Tage später klagten die Deutschen wieder über eine Zunahme der Bandentätigkeit. Lediglich die logistische Struktur der "Stella Rossa" war zerstört worden. Lutz Klinkhammer zieht den erschreckenden Schluss: Da den durchführenden Einheiten schnell klar gewesen sein dürfte, dass sie die "Stella Rossa" nicht vernichten konnten, sei die Tötung der ZivilistInnen grausames Kalkül gewesen. Man habe eine möglichst große Zahl von Opfern gebraucht, um eine erfolgreiche Aktion melden zu können.

1989 wurde das betroffene Gebiet zum "Parco Storico di Monte Sole", zum historischen Park von Monte Sole erklärt.

Nadja Bennewitz und Dieter Binz


1 Alle Zeitzeuginnenberichte stammen aus: Giorgi, Renato: Marzabotto parla, Marsilio Editori, Venezia 1999

Gedenkstätte Parco Storico Monte Sole in der Emiglia Romagna, südlich von Bologna:
Autobahn Bologna - Florenz, Ausfahrt Sasso Marconi: Bundesstraße 64 (Superstrada SS 64) entlang des Flusses Reno in Richtung Porretta; Marzabotto durchfahren bis zum Ortsteil Pián di Vénola; dort links abbiegen in Richtung "Parco Storico di Monte Sole/Casaglia", hinter Bahnübergang nach Flussüberquerung rechts halten. Dann kleine Bergstraße hoch bis zur Hochebene des Monte Sole.
Sede legale: Via San Martino 25, 40043 Marzabotto (Bo)
Sede Ufficio: Via Porrettana Nord 4 d/e/f, 40043 Marzabotto (Bo)

Joachim Staron: Fosse Ardeatine und Marzabotto: Deutsche Kriegsverbrechen und Resistenza, Paderborn u. a. 2002

Friedrich Andrae: Auch gegen Frauen und Kinder. Der Krieg der deutschen Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung in Italien 1943 - 1945, München/Zürich (2) 1995